Protest gegen „Querdenken“-Jahrestag

Samstag, 03.08.2024, ab 12.00 Uhr, City-West/Tiergarten - Zum 4. Jahrestag der ersten bundesweiten "Querdenken"-Versammlung in Berlin im August 2020 läuft eine Mobilisierung aus dem verschwörungsideologischen Spektrum. Es gibt Gegenproteste.

Stand: Montag, 29. Juli

Kurzinfos

Die „antiverschwurbelte aktion“, die Omas gegen Rechts sowie „Geradedenken“ haben Gegenproteste angemeldet.

Anlass: Das verschwörungsideologische Spektrum mobilisiert auch 2024 zu Versammlungen aus Anlass des Jahrestages der ersten großen „Querdenken“-Demonstration 2020 nach Berlin. In der Vergangenheit nahmen daran bekannte Rechtsextreme teil, einige haben sich auch diesmal angekündigt. Die Berliner Gruppierung „Freedom Parade“ bewirbt unter den Labels „Wir sind viele“ und „Querdenken 30“ eine Demonstration vom Ernst-Reuter-Platz durch die City West zur Hofjägerallee. Direkt im Anschluss richtet die Gruppierung Querdenken 711 aus Stuttgart eine Kundgebung auf der Hofjägerallee im Tiergarten aus. Parallel dazu bestehen Anmeldungen der Kleinpartei „Die Basis“.

  • Mehrere Gegenproteste sind entlang der Route geplant. Es stehen noch nicht alle genauen Uhrzeiten endgültig fest.
  • Eine erste Gegenprotestkundgebung wird um 12:00 Uhr am Steinplatz stattfinden, eine weitere ab 13:45 Uhr an der Herkulesbrücke (10 Min. zu Fuß vom Wittenbergplatz).
  • Alle Gegenproteste siehe unten.

Aktuelle Informationen auch auf Twitter/“X“ unter dem Hashtag #b0308

Wer organisiert Gegenprotest?

Fotos: Berlin gegen Nazis: 30.12.2020

Die „antiverschwurbelte aktion“ ist ein linker Zusammenhang, der aus dem ersten Protestbündnis gegen verschwörungsideologische und rechtsoffene Versammlungen #reclaimrosaluxemburgplatz im Frühjahr 2020 entstand und seither vielfältige, oft satirische Gegenproteste in Berlin, aber auch bundesweit organisiert. Erkennungszeichen sind „reptiloide“ Kostüme.

Foto: Berlin gegen Nazis/F. Boillot, 01.08.2021

Die Omas gegen Rechts Berlin protestieren seit 2020 durchgehend gegen verschwörungsideologische Versammlungen und haben viele zentrale Proteste mitorganisiert. 2022 organisierten sie zudem das ganze Jahr über in Pankow jeden Montag Kundgebungen, um gegen die verschwörungsideologischen Montagsdemonstrationen zu protestieren. Zudem schützten die „Omas“ seit Jahren immer wieder das Holocaust-Mahnmal, wenn es in der Umgebung einschlägige Versammlungen gab.

Die Initiative „Geradedenken“ entstand im Kontext der verschwörungsideologischen Versammlungen während der COVID19-Pandemie und organisiert seit Herbst 2020 Kundgebungen und Raves. Anfang 2021 war Geradedenken an der erfolgreichen Initiierung berlinweiter Proteste gegen die verschwörungsideologischen „Montagsdemonstrationen“ beteiligt und richtete in diesem Rahmen mehrfach Kundgebungen am Hermannplatz und am Rathaus Neukölln aus.

Hintergründe zum 3. August

Das verschwörungsideologische Spektrum kämpft seit längerem mit Mobilisierungsproblemen und wendete sich teilweise dem Rechtsextremismus zu. Im März 2024 versuchten Berliner Gruppierungen aus dem verschwörungsideologischen und dem rechtsextremen Spektrum mit neuen Mobilisierungen zu unterschiedlichen Themen wieder auf den Berliner Straßen sichtbarer zu werden. Darunter fallen Versuche, das Thema „Frieden“ in den Mittelpunkt zu stellen, sich antifeministischen Mobilisierungen anzuschließen oder die umfangreichen Narrative der Presse- und Wissenschaftsfeindlichkeit weiter auszubauen. Diese Mobilisierungen sind gescheitert. Die letzte erfolgreiche bundesweite Mobilisierung nach Berlin fand am 3. Oktober 2023 gemeinsam mit Rechtsextremen statt. (siehe auch: »Das sah wie eine Ver­samm­lung von Pegida aus«)

Der Jahrestag der ersten „Querdenken“-Demonstration am 1. August 2020 ist für das verschwörungsideologische Spektrum einer der letzten Anknüpfungspunkte an frühere Großdemonstrationen. Diese Jahrestags-Demonstrationen funktionieren nicht zuletzt als nostalgische Zusammenkünfte mehrerer tausend Personen aus dem ganzen Bundesgebiet, die 2020 offenbar eine „gute gemeinsame Zeit“ im Berliner Regierungsviertel hatten. So wird auch 2024 sicherlich eine vierstellige Zahl an Teilnehmenden erreicht werden. In den Jahren 2023 und 2022 nahmen ca. 4.000 – 5.000 Personen an den Demonstrationen teil.

Die MBR hat im im Vorfeld des 1. August 2023 unter dem Titel: „Weltuntergang?! Rechtsextreme, rechtspopulistische und verschwörungsideologische Krisennarrative“ eine weiterhin gültige Situationsbeschreibung formuliert:

Berlin spielt für Mobilisierungen und Proteste nach wie vor eine herausragende Rolle, vor allem als Standort der Regierung und vieler wichtiger Institutionen und Einrichtungen, aber auch als Symbol. Insbesondere die bundesweiten „Querdenken-Proteste“ erlebten hier 2020 mit mehreren zehntausend Personen ihr ganz eigenes „politisches Woodstock“. (…) Diese verschwörungsideologische Szene, die vor allem während der Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen entstand, ist weiterhin aktiv, befindet sich zurzeit allerdings in einer Umbruchphase. (…) Es werden kaum noch Menschen außerhalb der eigenen Blase mobilisiert. Gleichwohl weisen diejenigen, die sich weiterhin als Teil des inneren Kreises sehen, mittlerweile ein geschlossenes verschwörungsideologisches Weltbild auf. Innerhalb ihrer oft undurchsichtigen Kommunikationskanäle reproduzieren reichweitenstarke Multiplikator_innen auf Grundlage diverser Verschwörungserzählungen immer wieder die eigenen Narrative – zuletzt mit deutlicher Anschlussfähigkeit für Rechtsextremismus und Rechtspopulismus.

Quelle: MBR 08.07.23

Nach einem längeren Gefängnisaufenthalt 2022/23 hat der Gründer von Querdenken 711/Stuttgart die zentrale Jahrestagskundgebung am 3. August 2024 wieder selbst angemeldet. Wie schon 2020 (siehe auch „Besorgniserregende Schulterschlüsse in pandemischen Zeiten„) gibt es auch 2024 keine Abgrenzung von Rechtsextremen durch Querdenken 711. Auf der Webseite der Gruppierung sind vielmehr auch Mobilisierungsvideos für die kommende „Querdenken“-Kundgebung in Berlin von bekannten Rechtsextremen zu finden.

Die Berliner Gruppierung „Freedom Parade“ ist seit 2020 die zentrale Kraft für verschwörungsideologische Demonstrationen, u.a. etablierte sie gemeinsam mit anderen Gruppierungen pressefeindliche Demonstrationen in Berlin, auf denen Medienhäuser angesteuert und als Gegner_innen markiert wurden. Protagonist_innen der „Freedom Parade“ traten zuletzt am 16. Juli bei einer Solidaritätskundgebung für das am gleichen Tag verbotene rechtsextreme Compact-Magazin gemeinsam mit Rechtsextremen in Falkensee auf. Am 3. August organisiert die Gruppierung unter der Nutzung ihrer Labels „wir sind viele“ und „Querdenken 30“ voraussichtlich die Zubringerdemonstration zur Querdenkenkundgebung vom Ernst-Reuter-Platz zur Hofjägerallee.

Parallelanmeldungen für den Bereich der Hofjägerallee bestehen durch die Kleinpartei „Die Basis“. Auch diese solidarisierte sich zuletzt mit einer eigenen Kundgebung vor dem Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf am 22. Juli mit dem rechtsextremen Compact-Magazin. Die im „Querdenken“-Milieu entstandene Partei mobilisiert ebenfalls zur Demonstration ab Ernst-Reuter-Platz und gibt an, mit drei eigenen LKWs teilnehmen zu wollen.

Aufgrund eines am 3. und 4. August geplanten Fahrradrennens mit Start und Zielbereich auf der Straße des 17. Juni am Brandenburger Tor finden die verschwörungsideologischen Versammlungen nicht im Regierungsviertel, sondern im südwestlichen Teil des Tiergartens auf der Hofjägerallee und in der City-West statt. Querdenken 711 hat zudem vom 3. bis 13. August ein Protestcamp auf der Hofjägerallee angemeldet, man plant also, 10 Tage im Berliner Tiergarten zu übernachten.

Weitere Hintergründe in den Berlin gegen Nazis-Informationsartikeln aus dem März 2024 und zu den Querdenken-Jahrestagen 2023, 2022, 2021.

Versammlungslage am Samstag, 03.08.2023

(Stand Anmeldungen/Informationen 26.07.2024 – Änderungen möglich)

Hinweise: Die hier aufgeführten Informationen von Berlin gegen Nazis haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie basieren auf der öffentlichen Versammlungsdatenbank des Landes Berlin sowie Zusatzinformationen aus eigener Recherche. Die Informationen zu Versammlungen können von der Versammlungsdatenbank abweichen, da Berlin gegen Nazis häufig aktuellere Informationen bereitstellt oder spezifische Informationen in der Versammlungsdatenbank nicht angezeigt werden. Aktuelle Änderungen gegenüber den hier aufgeführten Informationen sind möglich. Wir aktualisieren unsere Informationen bei neuen Entwicklungen.

Gegenproteste

  • um 12:00 Uhr trifft sich erster Gegenprotest am Steinplatz (nahe Ernst-Reuter-Platz), organisiert von der „antiverschwurbelten Aktion“ und den Omas gegen Rechts
  • diese haben entlang der Route weitere Kundgebungen angemeldet: am Wittenbergplatz um 13 Uhr, auf Höhe der Klingelhöferstr. 19 ab 14:00 Uhr und ab 14:30 am Großen Stern
  • ab 13:45 Uhr gibt es außerdem Gegenprotest von „Geradedenken“ an der Herkulesbrücke, der von vielen weiteren Initiativen unterstützt wird. Danach ist ein Demonstrationszug zum Großen Stern geplant. Aktuelle Infos siehe Instagram

verschwörungsideologische Versammlungen am 03.08.2024

  • 12:00 – 15:00 Uhr, Ernst-Reuter-Platz, verschwörungsideologische Demonstration unter dem Motto “ Einigkeit und Recht und Freiheit“ angemeldet für 5.000 Personen

-> Route: Hardenbergstr./Ernst-Reuter-Platz – Hardenbergstr. – Joachimsthaler Str. – Kurfürstendamm – Tauentzienstr. – Wittenbergplatz – Kleiststr. – Nollendorfplatz – Bülowstr. – Potsdamer Str. – Kurfürstenstr. – Schillstr. – Lützowplatz – Klingelhöferstr. – Klingelhöferstr./Tiergartenstr.

  • 15:30 – 20:00 Uhr Hofjägerallee, verschwörungsideologische Kundgebung von Querdenken 711 unter dem Motto “ Frieden, Freiheit, Freude & Veränderung“ angemeldet für 17.000 Personen
  • ab 20:00 Uhr bis zum 13.08., Hofjägerallee, verschwörungsideologische Daueranmeldung von Querdenken 711 als Grundlage für ein Protestcamp unter dem Motto „Frieden, Freiheit, Freude & Veränderung“ angemeldet für 10.000 Personen

weitere verschwörungsideologische Versammlungen am 04.08.2024:

  • ganztägig (bis 13.08.), Hofjägerallee, verschwörungsideologische Daueranmeldung von Querdenken 711 als Grundlage für ein Protestcamp unter dem Motto „Frieden, Freiheit, Freude & Veränderung“ angemeldet für 10.000 Personen
  • 14:00 – 17:00 Uhr, Oberbaumbrücke, verschwörungsideologische Demonstration unter dem Motto „Keine Macht für niemand!“ (ursprünglicher Anmeldungstitel „Weltfrieden durch Humane Marktwirtschaft“) für 1000 Personen, beworben von der Gruppierung „Momobewegung“. Diese bezieht sich positiv auf die verschwörungsideologischen „Mahnwachen“ von 2014 sowie die „Querdenken“-Bewegung und gibt an, „das Zinswesen als Verschwörung“ entlarven zu wollen, da „unsere Welt nun mal vom Finanzkapital regiert wird.“.

-> Route: Oberbaumbrücke – Skalitzer Str. – Oranienstr. – Adalbertstr. – Kottbusser Damm – Sonnenallee – Pannierstr. – Görlitzer Park

Änderungen sind möglich. Aktuelle Informationen auch auf Twitter/“X“, Hashtags #b0308 #b0408

Beitragsfoto: Berlin gegen Nazis – 01.08.2020