Proteste gegen Neonazi-Aufmarsch in Marzahn
Die ersten, die am Samstag aktiv wurden, waren Mitglieder des Bündnisses für Demokratie und Toleranz Marzahn-Hellersdorf. Schon um 11 Uhr begann der Gegenprotest unter dem Motto „Marzahn bleibt bunt. Gemeinsam für Vielfalt und Toleranz“ gegen den erneut sehr kurzfristig angemeldeten Aufmarsch der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ vor dem Eastgate Einkaufszentrum. Bereits etwa 60 Menschen standen da, als die ersten wenigen Neonazis ihren streng eingezäunten Bereich vor dem Haupteingang des Marzahner Einkaufszentrums betraten. Dort wurde ein Stand mit Materialien aufgebaut, die übliche große Menge an Fahnen, Banner und Schilder ausgepackt und Beachflags mit dem Logo des „III. Wegs“ aufgebaut.

Dass der unterdessen stets weiter anwachsende Gegenprotest schon den Aufbau des „III. Wegs“ mit lauten Rufen und Musik begleitete, wies bereits die Erfolge des Tages aus – keine Reden, keine nach Klassentreffen anmutenden Gespräche unter den Aktiven der neonazistischen Kleinstpartei, kein Meter auf der Straße blieben ohne Widerspruch. Denn auch auf der Aufmarschroute konnte ein zweiter Gegenprotest aus dem Umfeld von „Hürdenlauf gegen Nazis“ lange Zeit parallel zu den Rechtsextremen laufen und unterbrach lautstark immer wieder die Inszenierung des „III. Wegs“. Auch am Rande stehende Passant*innen äußerten sich deutlich gegen den Neonazi-Aufmarsch.
Erst am Donnerstag hatte die neonazistische Kleinstpartei „Der III. Weg“ ihren im Vorfeld heimlich vorbereiteten Aufmarsch angemeldet. Sie wandte damit die gleiche Strategie wie vor gut einem Jahr an. Spät anmelden, nichts bewerben und dann klappt es auch nicht mit dem Gegenprotest der Berliner Zivilgesellschaft – so die Theorie. Doch schon am Donnerstagnachmittag waren die Vorbereitungen zweier Gegenproteste an unterschiedlichen Stellen des Aufmarsches in vollem Gange. Obwohl am Samstag schon ein langfristig geplanter rechtsextremer Aufmarsch in Mitte (siehe unten) stattfinden sollte, konnte die Zivilgesellschaft in Marzahn rund 200 Menschen auf die Straße mobilisieren.

„Der III. Weg“ brachte etwa 120 Personen auf die Straße. Viele Aktive der Partei und ihrer Jugendorganisation „Nationalrevolutionäre Jugend“ (NRJ) reisten überregional an, die Berliner Kader erschienen zahlreich. Frauen waren wenige anwesend, zur Hälfte in der üblichen Tracht à la „Bund Deutscher Mädel“, zur Hälfte „modern“ gekleidet. Das inszenierte Bild, dass der „III. Weg“ im Bezirk hinterlassen wollte, war dem des letzten Aufmarsches in Hellersdorf Ende März 2025 sehr ähnlich – Männlichkeit, (physische) Stärke und Sportlichkeit standen erneut im Fokus.
„Leibesübungen sind Dienst am Vaterland“, „Schule aus Körper und Geist“ „Sport frei“ stand auf Schildern, aber auch „Krieg den Drogen“. Neu waren das Frontbanner „Eigenheim statt Platte“ und Schilder wie „Haus und Hof statt Wohnungsnot“ oder „Zinsloses Darlehn fürs Eigenheim“. Ein Schild trug die Aufschrift „Brechung der Zinsknechtschaft“ und nahm damit Bezug auf einen Kernbegriff aus der antisemitischen Propaganda der NSDAP. Rufe wie „Schluss mit Platte, Schluss mit grau, unsere Lösung Eigenbau“ waren an dem Tag häufig zu hören und reiten sich seltsam in die Rufe nach Revolution und Widerstand ein.
Viele weitere Fotos des Aufmarschs finden sich hier.
Nach einer einstündigen Route endete der Aufmarsch erneut vor dem Eastgate-Center, wo nach kurzen Worten vom Vorsitzenden Matthias Fischer dann NRW-Kader Julian Bender seiner Enttäuschung über die BRD Ausdruck verlieh. Zwischenapplaus gab es keinen, das gehört sich beim „III. Weg“ nicht. So wurde aber auch diese etwa 10-minütige Rede des Nordrhein-Westfalen, der 2025 erfolglos versuchte, sich zur Bürgermeisterwahl in Hilchenbach aufzustellen, mit zahlreichen Zwischenrufen durch den Gegenprotest begleitet, die den Redner aus der Fassung zu bringen schienen. Da half auch der disziplinierte Kreis an „III. Weg“-Unterstützern nichts, der sich gebildet hatte.

Interessante Beobachtung am Rande: Kurz vor dem Ende der Aufmarschroute tauchten zwei bekannte Aktive der „Jägertruppe Berlin-Brandenburg“ (zur „Jägertruppe“ im Tagesspiegel, €) am Rande auf, winkten einigen Mitgliedern des „III. Wegs“ zu und liefen seitlich hinter dem Aufmarsch her. Am Einkaufscenter stellten sie sich an die Absperrungen und wurden kurze Zeit später vom Leiter der „NRJ“ Berlin-Brandenburg ab- und in den Kreis der Abschlusskundgebung geholt. Man kennt sich, es gab ein paar Umarmungen und Handshakes. Bemerkenswert ist diese kleine Interaktion, da der „III. Weg“ in Berlin bisher Abstand von den aktionsorientierten rechtsextremen Jugendgruppen gehalten hat.
Die gemeinsam angereisten Neonazis verließen ihr umzäuntes Gebiet um 15:15 Uhr dann ebenfalls gemeinsam und schnell. Sie hatten noch Anschlusstermine – in Wittstock/Dosse wurde ein neues Parteibüro eröffnet und ein „Heldengedenken“ gemeinsam begangen.
Proteste gegen Neonazi-Aufmarsch in Mitte
In Mitte kamen rund 100 Neonazis zum lange angekündigten Aufmarsch, der sich ab 13 Uhr am Potsdamer Platz sammelte. Noch vor Beginn der Versammlung wurde ein Neonazi festgenommen, nachdem er einen Journalisten angegangen war. Unter den Rednern waren bekannte langjährige Kader der neonazistische Szene wie Christian Worch, Sascha Krolzig, Thomas Wulff und Andreas Storr sowie der für einen Handgranatenanschlag auf eine Berliner Geflüchtetenunterkunft verurteilte Rechtsterrorist Marcus Bischoff. Viele Fotos vom Aufmarsch gibt es u.a. hier bei rechtsimbild. Ein Video von democ, das die antisemitische und rassistische Hetze in den Reden dokumentiert, findet sich hier. Hintergründe zu den Organisationen hinter dem Aufmarsch hatten wir hier bereits zusammengefasst.

Die explizite Unterstützung für Ralf Wohlleben, ehemaliger Landessprecher der NPD Thüringen und 2018 wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen der rassistischen Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt, wurde durch ein Plakat am Lautsprecherwagen erneut deutlich gemacht. Passend zu den teils seit Jahrzehnten in der Neonazi-Szene aktiven Rednern hatte der Aufmarsch einen eher „klassischen Charakter“, mit Parolen wie „Frei, Sozial und National“ und – zuletzt in Berlin eher selten zu sehen – schwarz-weiß-roten Flaggen. Auffällig zu beobachten war, dass die verschiedenen Altersgruppen unter den Teilnehmenden wenig interagierten. Für die teils sehr anekdotischen Reden der Altkader brachten die jüngeren Rechtsextremen offensichtlich wenig Interesse auf.

Das „Berliner Bündnis Antifaschismus“ hatte mehrere Gegenkundgebungen angemeldet. Bei der ersten direkt am Auftaktort des Aufmarschs sammelten sich schon mehrere Hundert Menschen, um den Rechtsextremen lautstark etwas entgegenzusetzen. Nachdem der Aufmarsch gestartet war, gab es immer wieder kleine Gruppen am Rande der Route, die diesen kritisch begleiteten und ihren Protest äußerten.

Wieder angekommen am Potsdamer Platz, sah sich der Aufmarsch mit der nächsten Gegen-Kundgebung konfrontiert. Kontinuierlich wurde gezeigt, dass Neonazi-Aufmärsche in Berlin nicht ohne Widerspruch über die Bühne gehen können! Auch die Zwischenkundgebung nahe des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz wurde lautstark und mit viel Ausdauer von Protestierenden gestört.

Bei ihrer Abschlusskundgebung am Potsdamer Platz inszenierten sich die Neonazis noch einmal und stellten sich mit gut sichtbaren Bannern auf. Nachdem die unterschiedlichen Gruppen während des Aufmarschs kaum miteinander agiert hatten, sollte offensichtlich noch einmal Zusammenhalt betont werden. Das „Deutschlandlied“ in allen Strophen wurde gesungen und somit eine Tradition bemüht, die bei den Aufmärschen der Jugendgruppen in den letzten Jahren nicht mehr präsent war.

Verschwörungsideologische Versammlung an der Siegessäule
Parallel zu den beiden Neonazi-Aufmärschen traf sich an der Siegessäule eine Mischung aus Verschwörungsideolog*innen und Rechtsextremen. Angekündigt als „Großkundgebung“, versammelten sich unter dem Motto „Transparenz, Rechtsstaat und Schutz von Minderjährigen“ schließlich ca. 700 Menschen zu einer Kundgebung mit anschließendem Aufmarsch ins Regierungsviertel. Der zuletzt wieder durch das Verbreiten krudester Verschwörungserzählungen aufgefallene Sänger Xavier Naidoo hielt eine Rede.

Involviert war auch die rechtsextreme Influencerin Michelle Gollan, in den sozialen Medien bekannt unter „eingollan“. Während sie bisher ähnliche Versammlungen mit der Kamera begleitete, trat sie am 14. März mit „Make Germany Great Again“-Mütze als Rednerin auf. Die Organisation ging maßgeblich vom rechtsextremen „Blogger“ Matthäus Westfal alias „Aktivst Mann“ aus. Rechtsextreme Medien wie das „Compact-Magazin“ und „AUF1“ waren vertreten, einzelne Neonazis und Mitglieder von bekannten rechtsextremen Jugendgruppen nahmen ebenfalls teil.
Fotos im Beitrag: Berlin gegen Nazis