Neonazis mobilisieren auch 2026 gegen CSD Berlin

23.07.2026

Pride-Paraden bleiben im Visier von Neonazis – auch in der Hauptstadt. Gegen die vermutlich wieder große CSD-Demo am 25. Juli durch Schöneberg und Mitte wird queerfeindlich mobilisiert. Wir liefern aktuelle Infos zum geplanten Störungsversuch.

Die Pride-Saison 2026 ist in vollem Gange. Nachdem wie hier auf dem Foto im Juni die Marzahn Pride gefeiert wurde, steht am 25. Juli der große Berliner CSD an.

„Haltung ist Hot“ – so lautet das Motto der 48. CSD Berlin Pride, die am Samstag, den 25. Juli, groß, bunt und laut durch Mitte ziehen wird. Die Demonstration stellt sich ab 11:30 Uhr wie in den letzten Jahren auf der Leipziger Straße auf, um von dort über den Potsdamer Platz und Nollendorfplatz bis zur Siegessäule unterwegs zu sein. Das Finale ist eine Kundgebung am Brandenburger Tor. Zahlreiche Initiativen, Vereine, Netzwerke und Unternehmen, darunter auch Partner*innen im Netzwerk von Berlin gegen Nazis wie die taz, das Tipi am Kanzleramt und ver.di, schließen sich an, um ein starkes, solidarisches Zeichen für queeres Leben in der Stadt zu setzen. Sichtbare Vielfalt rund um Gender, Sexualität, Lebens- und Liebesweisen werden weite Teile Berlins an jenem Tag dominieren. Letztes Jahr waren Hunderttausende auf den Straßen. Weitere Infos zur Demo und Routen finden sich HIER.

Zwei Kundgebungen statt Aufmarsch-Route

Doch wie auch 2025 wird der CSD nicht ungestört bleiben: Rechtsextreme Jugendgruppen möchten zeitgleich zur Pride ihre Queerfeindlichkeit auf die Straße tragen. Unter dem Titel „Wir sagen „Nein zum CSD“ - Schluss mit den Gendern - Es gibt nur zwei Geschlechter „ Mann und Frau““ [sic!] haben die beiden Gruppen „Deutsche Patrioten Voran“ (DPV) und „Jägertruppe“ (JT) einen Aufmarsch für 100 Teilnehmende angemeldet. Angemeldet hatten sie zunächst eine Aufmarsch-Route vom Potsdamer Platz über den Nollendorfplatz zum Brandenburger Tor, die sehr der CSD-Route ähnelte. Vermutlich wollten die jungen Rechtsextremen der Pride-Parade vorneweg laufen oder diese „verfolgen“, wie es in der Vergangenheit mehrmals vorkam, so zum Beispiel beim CSD in Oranienburg 2024. Die taz zitiert einen Polizeisprecher, der Gespräche mit den Anmeldenden angekündigt hat, da die Route vom CSD belegt sei. Auf ihren Instagram-Kanälen bewerben DPV und JT selbst mittlerweile zwei Kundgebungen:

  • Um 12:30 Uhr an der Ecke Potsdamer Straße / Schöneberger Ufer – hier wird die CSD-Demo am frühen Nachmittag vorbeikommen.
  • Um 17:30 Uhr auf der Straße Unter den Linden – auf der anderen Seite des Brandenburger Tors findet die CSD-Abschlusskundgebung statt.

Möglicherweise wollen die Rechtsextremen noch eine Aufmarsch-Route zwischen beiden Kundgebungsorten anmelden.

Zuletzt konnten die Neonazis keine 50 Teilnehmende mobilisieren

Dass sich diese beiden Gruppen verantwortlich für den rechtsextremen Aufmarsch zeigen, ist wenig überraschend. DPV und JT haben in der laufenden Pride-Saison 2026 bereits mehrmals gemeinsam gegen CSDs in Brandenburg mobilisiert. Am 30. Mai traten sie mit „Gegenprotest“ in Frankfurt (Oder)/Słubice in Erscheinung. Anmelder war dort wohl ein führender Protagonist der „Jägertruppe“. Die rechtsextremen Jugendgruppen schafften es nicht, 50 Teilnehmende zu mobilisieren und mussten auf dem Gehweg laufen. So auch zwei Wochen später am 13. Juni in Eberswalde. Wieder mobilisierten beide Gruppen, wieder kamen nur knapp über 40 Teilnehmende. Als Versammlungsleitung trat dieses mal eine Protagonistin der DPV auf, die aufgrund ihres höheren Lebensalters im Vergleich zu den sonst sehr jungen Mitgliedern hervorsticht. Ein weiterer Aufmarsch der beiden Gruppen gegen den CSD in Bernau wurde abgesagt, weil die Pride aufgrund von Hitze verschoben wurde. Gegen den CSD in Müncheberg mobilisierte die DPV circa 25 Teilnehmende ohne JT, dafür mit erneuter Unterstützung aus Brandenburg.

Verbindungen zu älteren Brandenburger Neonazis

Die rechtsextreme Kundgebung gegen den CSD 2025 ging in der Parkanlage unter.

Den beiden Aufmärschen von DPV und JT, die sich als Berlin-Brandenburger Gruppen darstellen, schlossen sich die Gruppierungen „Sektion Oderland“ und „Bruderschaft Wolfsschar“ an. Über letztere schreibt der Journalist Hardy Krüger für das Aktionsbündnis Brandenburg, es handle sich um eine gang-ähnliche Gemeinschaft von Neonazis aus Ost-Brandenburg, die seit Mitte 2021 existiere und Ähnlichkeiten zum klassischen Kameradschaftsmilieu und seinen Aktionsfeldern zeige. Mehrere Mitglieder hätten zudem eine NPD-Biographie, so auch ein Protagonist, der sowohl in Frankfurt (Oder) als auch in Eberswalde als Redner mit verfassungsfeindlichen Inhalten (Volksverhetzung) in Erscheinung trat. Unklar ist, ob es DPV und JT gelingt, diese Akteur*innen nach Berlin zu mobilisieren. Sowohl von den jungen Rechtsextremen als auch von den erfahreneren Neonazis geht die Gefahr von gewalttätigen Übergriffen aus. Es gilt also wie immer, sich aufmerksam und bestenfalls nicht allein im Stadtgebiet um die Pride-Parade sowie auf möglichen An- und Abreiserouten in den öffentlichen Verkehrsmittel zu bewegen. Es ist bis in die (späten) Abendstunden Vorsicht geboten.

Nächster queerfeindlicher Auftritt in Berlin

Nicht nur in Brandenburg, auch in Berlin waren Mitglieder der rechtsextremen Jugendgruppen bereits an Aktionen gegen Prides beteiligt. Erst kürzlich versuchten Personen, die der DPV zugeordnet wurden, die Marzahn Pride 2026 ohne Versammlungsanmeldung zu stören und tauchten am Rande der Parade im Berliner Osten auf. 2025 meldete ebenfalls DPV eine Versammlung gegen den Berliner CSD an, damals für 350 Teilnehmende. Gekommen sind nur circa 30, wie wir berichteten. Die Neonazis schätzen ihr eigenes Mobilisierungspotenzial immer noch zu hoch ein, wenn auch nicht mehr ganz so astronomisch und unrealistisch hoch. Angemeldet hatte damals die genannte DPV-Protagonistin, die jedoch zusammen mit weiteren Rechtsextremen bereits auf der Anreise festgenommen wurde. Bei der Kundgebung, der wie wohl in diesem Jahr die Parkanlage an der Ecke Potsdamer Straße/Schöneberger Ufer zugewiesen wurde, tauchten neben DPV noch Labels wie „Deutsche Jugend Voran“ (DJV) und „Berliner Jugend“ auf. Um beide Gruppierungen ist es, wohl auch aufgrund hohen polizeilichen Drucks und einigen Hausdurchsuchungen, ruhig geworden. Sie spielen in der bisherigen Pride-Saison keine Rolle. Das Label „Jägertruppe“ hingegen existierte vergangenen Sommer noch nicht, sondern tauchte im Oktober 2025 erstmals auf.

Verbindungen zur „Heimat“

Die „Jägertruppe“ inszeniert sich öffentlich immer wieder mit der rechtsextremen Kleinstpartei „Die Heimat“ (ehemals NPD), so zum Beispiel im Dezember 2025 und im April diesen Jahres mit Foto-Aktionen vor dem Brandenburger Tor. Auch Veranstaltungen in der Bundeszentrale der „Heimat“ werden von Personen besucht, die der JT zugeordnet werden. In einem jüngst veröffentlichten Video gibt ein Protagonist der JT an, bei einer „Gedenkfeier“ in der Zentrale in Köpenick gewesen zu sein und „Werbespots“ für eine „Wahlkampagne“ gedreht zu haben. Gegen Aktivitäten in der „Heimat“-Zentrale in der Wahlkampf-Zeit hat Berlin gegen Nazis zusammen mit Kooperationspartner*innen aus Treptow-Köpenick kürzlich die Kampagne „Keine Heimat für Nazis. In Köpenick und überall.“ gestartet.

Unklar ist, ob Mitglieder der „Heimat“ wie schon 2025 bei der rechtsextremen Versammlung gegen den CSD Berlin auftauchen. Im vergangenen Sommer nahmen einzelne Vertreter der neonazistischen Partei regelmäßig an Mobilisierungen gegen Prides teil, verteilten Merchandise und näherten sich so den aktionsorientierten rechtsextremen Jugendgruppen an.

Neonazis fokussieren sich im dritten Jahr in Folge auf CSDs

Queerfeindliche Störungen von und Angriffe auf CSDs und ihre Teilnehmenden durch Neonazis sind kein neues Phänomen. Menschen, die von den bis in weite Teile der Gesellschaft verbreiteten Normen von Cis-Geschlechtlichkeit, Heterosexualität und traditionellen Familienmodellen mit klaren patriarchalen Geschlechterrollen abweichen, sind zentrale Feindbilder von Rechtsextremen. Sowohl für etablierte, ideologisch gefestigte Akteur*innen, als auch in einer rechtsextremen Jugendkultur spielt der Hass auf queere Identitäten und Lebensentwürfe eine große Rolle. Mit dem Aufkommen neuer aktionsorientierter, rechtsextremer Jugendgruppen im Jahr 2024 kam es zu einer großen queerfeindlichen Mobilisierung, die laut dem Autor*innenkollektiv Feministische Intervention (AK Fe.In) die zahlenmäßig größte Mobilisierung der extremen Rechten in Deutschland in den letzten Jahren darstellte. In ihrer Auswertung der rechten Angriffe auf CSDs in der Pridesaison 2025 stellt AK Fe.In fest, dass bei mehr als der Hälfte aller CSDs rechte Versammlungen, Angriffe, Beleidigungen oder Bedrohungen dokumentiert wurden und mahnt darüber hinaus eine hohe Dunkelziffer an. Auch wenn es ein starkes Stadt-Land-Gefälle in der Gefährdungslage gäbe, blieben Großstädte wie Berlin nicht verschont.

Route des diesjährigen CSD Berlin, ©https://csd-berlin.de/

Und trotzdem wird auch der diesjährige Berliner CSD mit vermutlich vielen hunderttausend teilnehmenden Queers und Verbündeten so groß, laut und bunt sein, dass die rechtsextreme Mobilisierung eine kleine, kaum wahrnehmbare Randnotiz sein wird. Auch kleinere Pride-Demos in kleineren Städten verzeichnen teils stark wachsende Teilnehmendenzahlen. Grund dafür sind neben den stabilen LGBTIQ*-Communities und der unterstützenden Zivilgesellschaft vor Ort solidarische Anreisen aus größeren Städten. Wer von Berlin aus die wichtigen und starken CSDs im Osten unterstützen möchte, findet Infos zu gemeinsamen Anreisen beispielsweise auf der Instagram-Seite von „Pride Soli Ride“.